Das Horoskop schreit und flüstert  

und redet meistens so vielstimmig durcheinander, daß man schon ein sehr gutes Deutungssystems und viel Erfahrung braucht, um die Haupt- und Nebenstimmen auseinanderzuhalten. Sicher ist aber auch: Das Horoskop sagt die Wahrheit. Unabhängig davon, ob wir sie nur ein bißchen, ganz oder gar nicht verstehen. Es zeigt das Potential des Augenblicks, auf den es erstellt ist und gibt Auskunft über dessen Entfaltungsmöglichkeiten in Zeit und Raum. Es verweist auf Art und Herkunft der im Augenblick angelegten Konflikte, enthält aber auch den Schlüssel zu deren Lösung.

 

Horoskop 1 zeigt einen ausgezeichneten Verwerter 


Es erzählt von hoher Anpassungsfähigkeit mit einem ausgeprägten Gespür für die Nutzung sich verändernder Bedingungen  zum Zwecke der Selbstsättigung und Selbstdarstellung. Die  Hauptrollen im egozentrischen Spiel, das hier seinen Lauf nimmt, spielen der Mond als Herrscher des Aszendenten im sechsten und die Sonne im zweiten Haus* im Tierkreiszeichen Löwe. Auf eine einfache Formel gebracht heißt das: "Stärke durch Kraft". Fast alle Energie, die ihm die Götter leihweise zur Verfügung stellen, fließt bei diesem jungen Mann in die Anreicherung der eigenen Substanz. Im direkten (körperlichen) wie auch im indirekten (Hab und  Gut betreffenden) Sinn. Regelmäßiges Krafttraining beginnt er mit 15, mit 20 ist er bereits Mister Universum, emigiriert in die Vereinigten Staaten, verdient als Immobilienmakler seine ersten Millionen. Die weitere Lebensgeschichte des Arnold Schwarzenegger darf zumindest in der Steiermark als bekannt vorausgesetzt werden.   

* Die zwölf Horoskophäuser werden vom Aszendenten (dem zum Geburts- zeitpunkt   im Osten aufsteigenden Zeichen) gegen den Uhrzeigersinn gezählt. Sie repräsentieren die irdische Verwirklichungsebene der astrologischen Konstellationen, im Unterschied zu den zwölf Sternbildern droben am Himmel (dargestellt im äußeren Horoskopkreis).  

 

Für Horoskop 2 ist Bodybuilding kein Thema  


Es zeigt nicht den Geburtsaugenblick eines Menschen, sondern den Zeitpunkt einer außergewöhnlich intensiven Begegnung, gekenn-zeichnet durch sieben von zehn Planeten im dritten Quadranten (Haus 7 bis 9) des Horoskops. Es handelt sich ohne Zweifel um eine reale Begegnung, sagt der Jupiter in Haus eins. Ja, aber...! rufen quasi im Chor gleich fünf Planeten im achten Haus visá vis. Ja, aber! Das Begegnende selber ist nicht real! Es liegt außerhalb der Gegenwart, die in diesem wie in jedem anderen Horoskop erst in Haus sieben Gestalt annimmt. Es handelt sich also, kurz gesagt: Um eine reale Begegnung mit dem Irrealen. Konkret: um den Unfall einer Frau, die bewußtlos in ihrem zerstörten Auto eingeklemmt ist und sich plötzlich von einer Schar verstorbener Angehöriger umringt und bedrängt sieht, die sie auf ihre Seite ziehen wollen, wie sie später erzählt.

 

Horoskop 3 teilt mit Schwarzenegger den Mond in Haus 6 


zeigt
im übrigen aber eine völlig leere untere Horoskophälfte. Selbstdurchsetzung und Selbstsättigung spielen hier nicht einmal mehr die zweite Geige. Die Zuständigkeit dessen, der zu diesem Zeitpunkt geboren wurde, erstreckt sich von Haus 9 (dem Bereich der Anschauung und der Einsicht in die Notwendigkeiten anderer) bis Haus 12 (die religiöse Gewissheit). Die Sonne (maßgeblich für das Verhalten) steht in Haus 11, wo man, in den Worten Wolfgang Döbereiners "nicht blind seinen dualen Trieben ausgeliefert ist... sondern gleich der Sphinx staunend aus der Verstrickung des Subjektiven den Blick in das Wirkliche erhält - aus den Mechanismen des Tierhaften heraus das Transzendente, ein Stück Himmel gewahr wird." Es handelt sich um das Horoskop eines Astrologen.  

 

 Horoskop 4 ist ebenso einseitig   


...wie Horoskop 3, nur anders herum: Hier wimmelt es unter dem Horizont von Planeten, dafür machen sie sich in der oberen Horoskophälfte rar. Besonders hervorgehoben ist in diesem Fall der zweite, der sogenannte seelische Quadrant (Haus 4 bis Haus 6). Das Horoskop plaudert recht freimütig von einem kaum zu zügelnden Lebenstrieb. Mit der Horoskopinhaberin zu tanzen bereitete zweifellos größeres Vergnügen als ein Tanz mit dem Astrologen aus Beispiel 3. Ob man als Zeitgenosse gerne ihren Launen ausgeliefert gewesen wäre, ist allerdings wieder eine andere Frage. Es handelt sich um das Horoskop der Königin Marie Antoinette. Ihr legendär gewordener Ausspruch, das Volk möge halt Kuchen essen, wenn es kein Brot gibt, paßt perfekt zum Geburtsbild der Subjektivistin auf dem Königsthron, dürfte ihr tatsächlich aber von den Protagonisten der Französischen Revolution in den Mund gelegt worden sein.